Ehrenberg – Die Zeitreise 2017

Ehrenberg – Die Zeitreise 2017

Endlich ist es wieder soweit! Reutte wird zum Zeitportal! Und natürlich sind wir hingepilgert – zu der jährlichen Veranstaltung „Ehrenberg – die Zeitreise 2017“. Diesmal ist unser Team, aber eigentlich auch all unsere anwesenden Freunde und Bekannten komplett gewandet unterwegs. Und so gut wir es uns erlauben können möglichst authentisch. Der Virus hat mich wohl als letzten erreicht – Inkubationszeit keine zwei Jahre. Gefangen in der Anziehungskraft des Mittelalters.

Auch dieses Mal will ich die gesammelten Eindrücke an Euch weiterreichen und zudem einmal meinen Blick auf die Zeitreise schildern. Vielleicht lässt sich ja ein Stück weit vermitteln, warum eine solche Faszination von dieser Szene auf mich ausgeht, hinter der ich einfach mehr sehe als ein „Event“.

Die Zeitreise in Ehrenberg vereint eine Reihe von Möglichkeiten und ist Unterhaltung, Markt, Ausstellung, Darstellung, Konzert, Begegnung, ein Stück Bildung, und vor allem ein Erlebnis! Wem ein Bandauftritt, das Schlendern über einen Markt oder das letzte Straßenfest zu wenig war, der sollte sich die nächste Veranstaltung nicht entgehen lassen! Der gemeinsame Nenner der Attraktionen ist die Möglichkeit, markante Momente der Geschichte aus nächster Nähe zu verfolgen und eine Vorstellung der Epochen der Zeit zu erhalten. Darsteller, Turniere, Musikanten, Märkte, Schausteller – selbst das Essen, der Geruch ungewöhnlicher Gewürze und Manchem auch ein Schluck kalter Met – ermöglichen es für kurz in eine Welt einzutauchen.

Die Distanz zur Normalität des Alltags bietet dabei die Möglichkeit, eine sehr detaillierte Vorstellung einer anderen Zeit aufzubauen. Man lässt sich dabei auf eine erfahrbare Nähe zur Geschichte ein, die eine praktischere und detailliertere Vorstellung ermöglicht. Kanonen selbst zu hören, den Nachhall deren Knalls zu spüren, eine Schlacht zu sehen, Schmiede und Bogenbauer zu beobachten – das alles hinterlässt einen anderen Eindruck und auch ein anderes Verständnis. Allein deshalb schon sind Mittelaltermärkte inzwischen für mich ein empfehlenswerter Bestandteil einer Gesellschaft geworden, die immer mehr in Automatisierung und einen gleichförmigen Tagesrhythmus des spezialisierten Alltags zu versinken drohen.

In Ehrenberg gelingt das vor einer wirklich traumhaften Kulisse einer Berg und Waldlandschaft, die das Veranstaltungstal umsäumt und eher Bergtouren, als einen Veranstaltungsort vermuten lässt. Damit ist auch das Sichtfeld weitgehend von der Welt außerhalb abgeschnitten und die Zeitreise beginnt.

Nach Zeitzonen gegliedert läuft man durch mittelalterlich gekleidete Leute, Lager und Märkte entlang der Klause, vorbei an Gauklern, Turnieren und Schlachten. Dieses Jahr konnte man Irdorath aus Weißrussland kennen lernen. Eine gute Wahl! Die Band schlug in den letzten Jahren in Europa ein und gilt inzwischen als viel versprechender Aufsteiger der Mittelalter- und Fantasy-Szene. Bands wie Tibétrea oder Fuchsteufelswild werden Freunde mittelalterlicher Instrumente ohnehin kennen. Sie sind inzwischen fester Bestandteil großer Veranstaltungen, aus der Mittelalterszene nicht mehr weg zu denken und ich freue mich jedes Mal sie wiederzusehen. Die Untermalung der Festlichkeiten sorgt so für die passende Gefühlswelt, die eine Zeitreise begleiten sollte. Für mich ist dieses Zusammenwirken aus Musik, Kulisse, Darbietung und Kulinarik wichtig. Ich persönlich finde es einfach enttäuschend, wenn diese Bereiche nicht zusammenpassen. Damit wirkt alles billig und fehl am Platz. Umso mehr freut es mich, wenn ich hier eine einheitliche Darstellungswelt wiederfinde, welche die Fantasie unterstützt.

Und an diesem Punkt möchte ich einmal ausholen und erklären, warum ich Weihnachtsmarkt, Konzert, Volksfest, Straßenfest und Ehrenberg nicht unter einen Ritterhelm bekomme. Natürlich kann man die fehlende Vergleichbarkeit auf Grund der Größenordnungen, Stadtnähe oder allgemein gesagt Bedingungen bemängeln. Einleuchten mag mir das nicht so recht. Denn die Bedingungen gehören nun einmal zur Veranstaltung dazu, wie der Met zum Drehfleisch. Es ist für mich ein Unterschied, ob ich mich bei einem Fest auf Beton in einer Lagerhalle oder zu Füßen einer Burgruine umringt von Wald erholen darf. Wer gerne reist oder am Wochenende lieber in die Berge, als zum Shoppen durch die Straßen geht, kann das vielleicht nachvollziehen. Ich finde das Ambiente und der hierdurch vermittelten Stimmung ist die Reise auf alle Fälle wert!

Ehrenberg hat zudem eine Größenordnung erreicht, die es ermöglicht ein buntes Programm aus Konzerten, Turnieren, Schlachten, aber eben auch Gauklern und kleinen Attraktionen auf hohem Niveau zu bieten und dennoch Wert auf ein gewisses Maß an authentischen Darstellern zu legen. Sowas ist natürlich immer ein Trade-off. Je größer die Veranstaltung wird, desto mehr wollen einen Stück vom Kuchen, desto größer wird das Paket an Auflagen und desto schwieriger ist es kommerzielle Elemente zu minimieren und dennoch das Risiko zu tragen. Aber Ehrenberg ist eine der wenigen mittelalterlichen Veranstaltungen, denen diese Balance zu gelingen scheint.

Nicht nur die Kulisse und die Darsteller, mit denen man sich bis spät in die Nacht unterhalten kann, sondern eine Vielfalt und Detailliebe, die nur ambitionierte Mitwirkenden einbringen können, verleihen Ehrenberg einen besonderen Charme, von dem ich gern berichte. Hier ist eine Stimmung entstanden, die ich auf den meisten Veranstaltungen vermisse.

Dieses Jahr habe ich mir die Zeit genommen von Lager zu Lager zu gehen und ein paar Gruppen kennen zu lernen. Und jedes Mal sah man die Fragen und das Interesse an der jeweiligen Zeitepoche und dem Stand gerne. Ich habe mir auch dieses Mal von Händlern und Lagernden Berufe zeigen und erklären lassen, mit denen ich außerhalb der Mittelalterszene keinerlei Berührungspunkte habe und somit wieder ein Stück mehr über Materialien, Stoffe, Herkunft und Verarbeitung erfahren. Bei dem Wort „Tillern“ dachte ich bisher eher an Cat Stevens. Auch wenn der „Tea“ in diesem Fall vermutlich eher an einen Landarbeiter ging. Tillern ist wohl sehr weit verbreitet gewesen, wurde sehr unterschiedlich benutzt und ist oft mit der Bedeutung des „Ausrichtens“ verbunden. Damit wurde es bei Bauern gebraucht, die Pflugscharen ausrichteten oder bei Seefahrern, die sich nach den Sternen ausrichteten. In meinem Fall begegnet mir der Ausdruck bei einem Bogenbauer. Im Bogenbau ist die extrem zeitaufwendige Arbeit des Tillerns dafür bestimmt, den oberen und unteren Wurfarm aufeinander in ihrer Zugstärke und Bewegung abzustimmen. Das Holz gibt dabei nach jedem Biegen leicht verändert nach und muss durch seine Stärke eine gleichmäßige Lastverteilung in der Krümmung erzeugen. Gut getillerte Langbögen sind daher immer wieder gespannt und benutzt worden, während man allmählich das Holz in die gewünschte Stärke brachte. Einfach nur gleiche Formen schnitzen ist nicht! Ober- und Unterarm sind unterschiedlich lang und müssen in ihrer Funktion Stück für Stück angepasst werden. Gut Ding will Weile!

All das sind Details, die den Markt durchziehen und dazu führen, dass man immer wieder Neues entdecken kann. Details, die einem nicht nur die Gegenstände, sondern auch ihr Material, die Kunstfertigkeit der Herstellung, und die Arbeitsleistung vermitteln. Hier findet man noch feste, schwere Stoffe, für die man sich wegen ihres geschichtlichen Hintergrundes und ihrer Qualität entscheidet, nicht wegen eines Sonderangebotes. Hier lernt man den Schmied noch persönlich kennen, dessen Fähigkeiten und anstrengende Arbeit mit dem Gegenstand verbunden ist und der Schneider erklärt einem die Eigenheiten der Gewandung. Ich bin sogar mit Literaturempfehlungen der Gäste heimgekehrt. Manch einer nimmt es mit seiner Mittelalterdarstellung eben doch genau. Ich habe Leute aus den letzten Jahren wiedergetroffen, die ich sonst nicht sehe, mit Met auf die Schlacht und das Wiedersehen angestoßen und neue Leute kennen gelernt. Alles Dinge, für die wir uns in unserer Alltagswelt viel zu wenig Zeit nehmen und die so wichtig sind.  Aber auch hier kann ich feststellen, dass in Ehrenberg Vielfalt vorherrscht. Es gibt sie alle: Die authentisch erzählenden Ritter und die schmausenden Gesinnungsritter, die belesenen, genauen und die Wohlfühl-Wikinger. Römer, die Latein können und solche mit eher Met-enem Dialekt!

Das alles formt eine Lebenskultur, die sich von Massenware und austauschbaren Gütern unterscheidet. Eine Kultur, für die wir uns als Uzziel-Team interessieren und bei der wir uns fragen, ob sie nicht auch Ausdruck eines weit verbreiteten Interesses ist: Eines anderen Umgangs mit Gegenständen, Materialien, aber auch Ressourcen. An einer Ressource kann man das besonders bemerken: Der (Die?) Zeit. Gute Mittelaltermärkte fallen eben auch dadurch auf, dass sie nicht auf den kleinen Abstecher ausgelegt sind. Man sollte etwas Zeit mitnehmen, um Eindrücke zu sammeln, zu „entschleunigen“ wie man inzwischen oft statt entspannen sagt und um in der Lage zu sein all die Details wahrzunehmen, für die man sonst keine Zeit hat.

Aber all das entsteht nicht aus dem Nichts. Auch die Vorbereitung verschlingt dementsprechend Zeit. Und das auf jeder Ebene der Organisation. Gut eine Woche vor der Veranstaltung habe ich zugehört, wie die Schausteller, Darsteller, Gaukler, Ritter, Marktleute, Musiker und viele weitere ihr Lager vorbereiten. Und dieses Mal war das Stöhnen nicht zu überhören, denn die Bedingungen waren eher unangenehm: Die Veranstaltung „Ehrenberg – die Zeitreise“ findet wie erwähnt in der Nähe von Reutte, Tirol, in einem Tal statt. Wer sich mit Veranstaltungen beschäftigt, weiss, dass einer der größten Feinde einer Freiluftveranstaltung die präventiven Lautstärkeauflagen sind. Sie sind oft der Grund, warum die meisten Feste eher einem zeitlich begrenzten Stehimbiss gleichen und am Folgetag verschwunden sind. So gesehen ist es ein Segen ein Tal in geeigneter Größe gefunden zu haben, das sich einem ganzen Katalog von Ansprüchen stellen darf. Darunter und nicht zuletzt der Wunsch das richtige Ambiente zu bieten. Ein Anspruch, den „Events“ zumeist nur noch in den Veranstaltungsort hineininterpretieren können, statt ihn zu erfüllen. Vor allem, weil Veranstaltungen oft zu einem Behördenmarathon für Multiathleten verkommen sind. Auflagen, Vorrechte und leider oft auch einseitiges Desinteresse erschweren jegliche Freude etwas zu gestalten erheblich.

Doch ein Nachteil des Tals zeigt sich bei Regen. Und in besagter Vorbereitungswoche hat es fast durchgehend geregnet. Das Wasser, das die umschließenden Wälder quasi Metkrug für Metkrug freigaben, feierte genau auf der Wiese der Lagernden sein Ting.

Für die Gruppe von vermutlich zwei Handvoll Lagervorbereitenden, die outdoor ihre Zeit investiert haben, wirklich anstrengend. Für sie möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen:

Veranstaltungen wie die Zeitreise in Ehrenberg gelingen oft nur in Zusammenarbeit mit einer Gruppe weniger, meist ehrenamtlich engagierter Leute, die einen wichtigen Beitrag zur Stimmung und Einstellung vor Ort beitragen. Erst wenn hier die richtigen Leute zusammenfinden, kann über die Zeit ein eingespieltes Team entstehen, das Interesse hat seine Erfahrungen und Ideen einzubringen und den richtigen Ton auf dem Gelände zu formen. Die Vorbereitung und Orga vor Ort ist somit meist der Magnet, um den sich die richtige Stimmung bildet, um Mitwirkende, Darsteller und Helfer, und damit schließlich das Publikum zu begeistern.

Und gerade auf Mittelaltermärkten zeigt sich hier ein deutlicher Unterschied zu üblichen „Events“. Die Mitwirkenden kommen eben nicht eine Stunde vor Anfang und verschwinden am gleichen Abend wieder. Diese kurzen Zeitabschnitte der Veranstaltung werden gelebt. Mit langem Auf- und Abbau, aber vor allem einer Vorbereitungszeit, die sich über das ganze Jahr verteilt und von den Kleidern über das Zelt bis hin zur Lektüre der Lebensweise reicht. Und es ist genau diese Fülle an Details, die man hier miterleben kann, und die nicht nur von Darsteller gelebt wird, sondern bereits eine Reihe von regelmäßigen Gästen erreicht hat.

Und abends, wenn die Nacht über das Lager hereinbricht, ist es genau diese Vielfalt die Gespräche ermöglicht, wie wir sie in unserem Alltag viel zu wenig führen. Dabei hängt kein Fernseher in der Barecke, sondern außerhalb des Kerzenscheins verblasst und verdunkelt sich das, was außerhalb der Tischrunde ist. Das Lagerfeuer erleuchtet nicht die Raumecke, sondern den Gegenüber. So entsteht eine andere, eine persönlichere Mischung aus dem Tageseinblick in andere Wahrnehmungswelten, neu Gelerntes und einem geselligem Gespräch. Mittelalterveranstaltungen sind für mich daher nicht automatisch etwas rückwärts gewandtes, sondern vor allem Neugier auf Neues.

Wer hier trotz all dieser Punkte keine Unterschiede zu üblichen Veranstaltungen erkennen kann, sollte mal vorbeischauen. Am 27.-29. Juli 2018 in Reutte, Tirol.