Der mit dem Wolfskopf

Wir sind auf dem Weg nach Simbach. In einer Ecke dieses Ortes finden wir den einzigen Schuster, der unseren Ansprüchen an authentischen und dennoch einigermaßen robusten, mittelalterlichen Schuhen entgegenkommt. Beim Betreten des Ladens tauchen wir in ein kurzes Zeitloch, das sich gefühlt gegen die letzten Jahrzehnte wehren konnte und zugleich eine Brücke über Jahrhunderte schlägt.
Franz Wimmer, Schuster und Inhaber, kennt den Ort noch aus einer Zeit vor den Teerstraßen, und berichtet uns, wie er bereits in einem Alter von 13 Jahren angefangen hat, in einer Schuhfabrik zu arbeiten. An diesen Tag erinnert er sich noch sehr genau: Da es wie aus Kübeln geregnet hat, ist er in Gummistiefeln zur Arbeit erschienen – ohne ein zweites Paar zum Wechseln. An einem Arbeitsplatz, an dem Schuhe und praktische Arbeit das Geschäft sind, hinterlässt man so ungewollt einen bleibenden Eindruck. Doch mit der Zeit konnte er dann überzeugen.
Auffällige Schuhe hat er heute immer noch. Aber bis die bekannten Mittelalter-Schuhe mit dem Wolfskopf daraus wurden, mussten noch einmal 50 Jahre vergehen.

So manche Schlingen hat ihm das Leben gestellt und auch Metall war eine Zeit lang sein Unterhalt. Der Zufall, und vermutlich seine Vorliebe für Leder holten ihn wieder in sein Metier. Ein Auftrag über 13 Paar Schuhe nach der Vorlage der Landshuter Hochzeit und ein Vertrauensvorschuss waren hierfür Anlass. Ohne Maschinen, nur mit Modelierwerkzeug ausgestattet – kein leichtes Unterfangen.
Aber wie so oft in seinem Leben gelingt, was gelingen muss, mit ein wenig Hilfe aus dem Freundeskreis. An fremden Maschinen, mit ungewöhnlich langen Produktionswegen von manchmal bis zu 160 km, entsteht ein eigener Stand beim Cave Gladium in Furth im Wald und eine umfangreiche Werkstatt, die aus einer Scheune weiterentwickelt, inzwischen wie ein lebendiges Museum anmutet. „Die auf der Titanic waren alle gesund, hatten aber kein Glück“ betont er. Was uns auffällt ist weniger sein Glück, als Bescheidenheit, Optimismus und Durchhaltevermögen, die authentisch wirken.

Eingehüllt in einen Geruch aus Leder und Motorenfett werden wir durch eine Vielzahl an Schablonen, Vorlagen und Stanzwerkzeugen in sämtlichen Schuhgrößen geführt. Darunter Maschinen von denen einzelne älter sind als er selbst. Bei dem Platzbedarf liegt eine Produktion weit draußen auf dem Land nahe. So entsteht langsam ein sehr stimmiges Bild eines Gewerbes, das sonst eher als ausgestorben gilt. Für unsere Vorstellung mittelalterlicher Schuhe durchaus ein Glücksfall.

Für seine Schuhe nutzt er bevorzugt Rind- und Kalbsleder. Vegetativ gegerbt und somit komplett natürlich bearbeitet, ist es frei von Chrom und Schadstoffen. Die Schuhe könne man somit bedenkenlos barfuß tragen. Selbstverständlich sind die Schuhe genäht und nicht geklebt, und somit so strapazierfähig, wie die Materialien, die man auswählt. Zusammengenäht, zurechtgeformt, gebügelt, mit Leiste und Zwischensohle versehen, wieder genäht und besohlt – es steckt eine Menge Arbeit, aber auch Qualität in den Schuhen.

 

Das Resultat ist eine gute Auswahl an verschiedensten Mittelalterschuhen von der Landshuter Hochzeit bis Burghausen, in gängigen und ungewöhnlichen Farben, und gewünschten Materialien. Und, was uns auffällt: Das Leder gibt deutlich nach und passt sich an. Die Schuhe wirken deutlich schmaler und kleiner. Schuhgröße 39 statt meiner gewohnten 41+ wird mir empfohlen. Alles in allem sind wir endlich bei den Schuhen gelandet, die wir gesucht haben.

 

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