Zeitreise Ehrenberg Zeltlager bei Nacht

Ehrenberg – Die Zeitreise 2016

Unser Blick aus dem Trubel gerade hoch in den Himmel: Fällt euch was auf?

Die Besucher der Highline 179, einer der höchsten Fußgängerbrücken Europas, interessieren sich nicht für den Segelflieger, der nur ein paar Meter neben ihnen vorbei fliegt.

Denn unter dieser eher futuristisch anmutenden Brücke, die allein schon ein Grund wäre, hier bei Reutte die Burgruine Ehrenberg oder das Fort Claudia zu besuchen, steht einmal im Jahr plötzlich in einer anderen Zeit. Und es ist echt ein Erlebnis von dem wir Euch berichten müssen!

 

Konzerte, Met, Gaukler, Ritter, Märkte, Met, Reittuniere, Schlachten, Lángos, Ruinen, Spanferkel, Feuerspucker, mittelalterliche Modenschau – es ist mehr da als wir aufzählen können.

Und die Stimmung ist wirklich nicht wie auf unseren Großstadtveranstaltungen, die wir hier in München gewohnt sind. Es ist eines der wenigen Feste, die organisatorisch Wert auf ihren Inhalt, und auf ihre Authentizität legen. Ehrenberg ist anders!

 

Umgarnt von passender Musik erlebt man hier Geschichte zum Hören, Anfassen, und durch Stände und Köche zum Riechen aus nächster Nähe. Hier werden die Zeitzonen des Mittelalters in der Klause auf geschichtsträchtigem Boden und über ein ganzes Tal hinweg zum Leben erweckt.

Um Euch herum wimmelt es von Wikingern, Römern, Rittern, Gauklern und Hofdamen. Denn ein erheblicher Teil der Leute sind mittelalterlich gewandete Besucher oder sogar selbst Schausteller. Und mehrmals am Tag toben neben Euch die Schlachten der vergangenen Jahrhunderte.

 

In ihnen wird die Geschichte wieder lebendig, und mit Details verbunden. Auf diese Weise bekommt man eine Vorstellung davon, wie viele Einflüsse die Kultur geschmiedet haben. Die Berge sind historisch nicht Repräsentanten abgeschiedener Naturbelassenheit, sondern ein Nadelöhr europäisch kultureller gegenseitiger Formung, die von der Spätantike bis zum Barock ihre Spuren hinterließ. Denn die Klause verband im Laufe der Zeit die Interessen der Kaiser und Könige von den Krönungen in Rom, bis zu den Kreuzzügen ins Heilige Land.

 

Wer den Knall der Kanonen nicht gewohnt ist, sollte sich der aufgestellten Watte bedienen. Mit China-Böllern hat das hier nichts zu tun. Man weiß, wenn Schlacht ist – auch am anderen Ende des Tals!

 

Die Mittelaltermärkte haben ihre Eigenheiten, und ihren besonderen Charme erhalten. Nicht nur das Was, auch das Wie verkauft wird, will sich hier vom üblichen Einkaufsbummel unterscheiden. Bei der Vorführung der Kleidung, wie auch auf den Märkten, wird die mittelalterliche Kleidung mit ihrem geschichtlichen Hintergrund erklärt. Und wer sie schon einmal in Händen hielt, weiß, dass man die Stoffe in in unseren Kaufhäusern nicht findet.

 

Es fällt einem aber insbesondere etwas anderes auf, das wir inzwischen sehr zu schätzen wissen: Die Händler unterhalten sich mit ihren Kunden. Nicht nur um zu verkaufen. Sondern als Teil des Alltagsgesprächs. Das gelebte Event ermöglicht den Neueinstieg in einen eben nicht alltäglichen Umgang mit dem Menschen.

Das sind die Momente für die wir hier sind. Kultur erfährt hier einen Wandel. Wir sind so geprägt durch den “optimierten Tagesablauf”, das Zeit zum seltenen Begleiter geworden ist. Hier herrscht eine andere Kultur, für die sich das Netzwerk Uzziel besonders interessiert. Denn das “anders”, das wir hier finden können, ist für uns besonders spannend.

Am Torbogen finden wir auch dieses Jahr die Schmiede. Ein Beruf, der sonst aus unserem Alltag verschwunden ist. Hier kann man sehen, was für eine Arbeit in den Handwerken steckt. Das ist anders als Massenware aus dem Katalog. Wer sich für die Gegenstände entscheidet, hat für sie ein anderes Interesse und Verständnis. Und ja: Das klingt alles ein wenig verklärt nostalgisch. Ein Wohlfühlmittelalter für Technologie-Averse.

Aber es verdeutlicht auch, was uns in der optimierten Gesellschaft verloren zu gehen droht. Eine kulturelle Errungenschaft selbstverständlichen Respekts und Verständnisses. Beides Opfer eines zeitlich eingeschränkten Blickwinkels der Spezialisierung und Optimierung. Das Leben, das nach Zahlen gemalt wird.

Hier bestimmt das Gespräch den Alltag.

 

Auf diese Weise ist die Zeitreise in Ehrenberg für viele, die hier eigentlich Arbeiten auch zugleich Urlaub, Erlebnis, und Erdung. So kommt irgendwie alles zusammen: Die Arbeit, der Alltag, Urlaub, und nicht zuletzt der Met und das Spanferkel.

Übrigens wir fanden: Drehfleisch mit Met war dieses Jahr die “Killerkombo”, wie man so sagt!

 

Abends kann man an den Feuern der Lager am besten sehen und hören, was uns etwa bei einem Volksfest fehlen würde. Denn nach der Musik beherrscht das Knacken und Knistern des Feuers und das Surren der Gespräche die Luft.

 

 

Ein ganzes Tal unter der Milchstraße gehüllt in Lagerfeuer und Gespräche. Dem Veranstalter ist zu verdanken, dass hier kein Kunstlicht den mittelalterlichen Eindruck in die Gegenwart holt, und die Lager in ihrer Ausstattung authentisch bleiben.

 

So kann eine Stimmung entstehen, die Lust auf mehr macht.

 

Über mehrere Tage können wir so die Welt der Gaukler und Ritter begleiten. Und wir lassen uns durchaus begeistern von ihren Darbietungen, die anders als im Film, mit Charme vermitteln können, wie schwierig ihr gelingen ist. Hier dreht sich die erwähnte Skepsis gegenüber einem einseitig positiven Mittelalter um und wirft einen schalen Blick auf die technisierte Welt. Auch Virtualität verklärt den Betrachter durch die einseitige Darstellung ständig gelingender Stunts und Hyperlative. Denn durch die Selbstverständlichkeit und den Garant des Gelingens eigentlich unmöglicher Situationen entsteht auch viel Distanz, die durch den geeigneten Blickwinkel wieder weggemacht werden muss.

 

 

Erwähnen müssen wir an dieser Stelle natürlich auch die Feuerspucker, bei denen wirklich was zu sehen war. Trotz Dunkelheit quasi.

 

Und selbstverständlich zum Ende des Events als Krönung das Feuerwerk:

 

Insgesamt gab es in diesen Tagen mehr zu sehen und natürlich auch zu Fotografieren, als wir in einem Blog zeigen können. Wir könnten vermutlich ein Buch füllen und werden auch einzelne Bilder an verschiedenen Stellen auftauchen lassen. Aber wir wollen an dieser Stelle einmal ein Ré­su­mé ziehen und dieses mit einem Highlight, wie wir fanden, abschließen.

Was uns wirklich begeistert hat, war das Gefühl, dass Ehrenberg trotz seiner Größe die Alltagshetze der Massengesellschaft vor den Toren ließ. Wer etwas Zeit mitnimmt, kommt mit den unterschiedlichsten Leuten ins Gespräch. Und Zeit spielt hier eine andere – eine besondere Rolle. Sie wird zum Erlebnis. Intensiver und bewusster als man das als Zuschauer gewohnt ist. Ehrenberg ist ein Kulturereignis, bei dem ein ganzes Tal unter der Highline179 eine Zeitreise unternimmt!

Seht es Euch an!

 

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